Der stumpfe Turm

Im Stumpfen Turm läuten heute noch die Glocken unserer Kirchengemeinde. Ausgrabungen haben gezeigt:

Die Geschichte führt zurück auf das Jahr 780 v.Chr.

Vor den Mauern der im 13. Jahrhundert gegründeten Stadt Lemgo steht der trutzige „Stumpfe Turm“ der Kirchengemeinde St. Johann. Er liegt am Westrand der Altstadt und ist zwischen Herforder Straße und Steinweg gelegen. Ein Sensationsfund gelang dort bei der Ausgrabung im Jahr 2008.

Die ganze Geschichte des stumpfen Turms

Die große Überraschung barg ein Grab, das von der Fundamentmauer der Kirche des 13. Jahrhunderts überbaut worden war. Die Radiokarbon-Methode lieferte dafür das Datum: Um 780 n. Chr. wurde dieses Grab angelegt. Eine andere Bestattung in der Nähe des Kirchturmes konnte zeitlich in das frühe 11. Jahrhundert eingeordnet werden. Die vor über 1.200 Jahre gebaute alte Taufkirche ST. JOHANN BAPTIST EXTRA MUROS ist damit das älteste nachgewiesene Gebäude im Bereich der späteren Stadt Lemgo. Der steinerne „Stumpfe Turm“ steht an der Stelle, wo die erste, wahrscheinlich hölzerne Taufkirche zur Zeit Karls des Großen errichtet wurde und ist umgeben von den Gräbern und Grabsteinen des Alten Friedhofs. In dem Turm hängt und läutet die älteste datierte lippische Glocke aus dem Jahr 1398. Sie ist eine der reinsten und feinsten Oktavglocken Westfalens.

Nach dem 30jährigen Krieg wurde die Kirche abgebrochen und das Gelände für die Friedhofsnutzung eingeebnet. Die Geschichte dieses Kirchplatzes reicht weit in die Zeit vor die Stadtgründung Lemgos zurück. Sie war die Hauptkirche, die sog. Gaukirche, im Einzugsbereich des heutigen Gemeindegebietes. Ihr Ursprung verlor sich bisher im Dunkel der frühen Geschichte.

2008 wurde dieser bedeutende Platz wieder verstärkt ins Licht der Öffentlichkeit gerückt. Es fand eine archäologische Untersuchung des Friedhofes und Kirchplatzes von St. Johann extra muros statt. Die Ergebnisse der Ausgrabung lassen die Entstehung dieses Kirchplatzes in einem neuen Licht erscheinen.

Von der im 30jährigen Krieg zerstörten Kirche fanden sich nur noch wenige Mauerreste. Die Lemgoer hatten alles Brauchbares recycelt und sogar die Fundamente aus dem Boden herausgebrochen. Das Wenige, was sie übrig gelassen hatten, reichte aber aus, um die Angaben und Rekonstruktion der Kirche durch den verstorbenen Lemgoer Günther Rhiemeier, einen ausgewiesenen Experten für die Geschichte von St. Johann, zu bestätigen.

Überraschend war die Erkenntnis, dass das Friedhofsgelände nach dem 30jährigen Krieg völlig neu gestaltet wurde. Die enormen Schuttmassen vom Abbruch der Kirche wurden nicht abgefahren, sondern einplaniert. Dadurch wurde die ursprünglich frei stehende Friedhofsmauer bis an die Mauerkrone angeschüttet. Es entstand neuer Platz für weitere Begräbnisse. Die aus dem Schutt geborgenen Funde, wie farbiges Fensterglas und bemalter Wandputz, verdeutlichen zudem den Reichtum der mittelalterlichen Gaukirche.

Es ließen sich aber keine Gebäudestrukturen einer früheren Bauphase der Kirche von St. Johann nachweisen. Bei zwei der mittelalterlichen Bestattungen, die nach christlicher Sitte in Ost-West-Richtung beigesetzt waren, wurde mit der Radiokarbon-Methode (14C) das Alter bestimmt. Zum Grabungsende wurden alle freigelegten Skelette wieder bestattet wurden

Der Kirchplatz mit Friedhof von St. Johann gehört zu den frühen Missionsplätzen in Sachsen, die von Karl dem Großen im Rahmen der Sachsenkriege zwischen 772 und 804 angelegt wurden. Erstmals konnte für Lippe ein derartiger Platz archäologisch sicher nachgewiesen werden. Karl der Große hatte sich auf seinen Feldzügen öfters im lippischen Raum aufgehalten. So feierte er urkundlich belegt das Weihnachtsfest 784 in Lügde. Es ist anzunehmen, dass er im Zuge der Errichtung und des Besuchs von Missionierungszentren wie Lügde, Heiligenkirchen, Stapelage, Schötmar und Herford auch in den Lemgoer Raum kam und St. Johann gründete.

Diese Kirchplätze waren Kristallisierungspunkte der Christianisierung mit einer wichtigen kirchlichen und politischen Bedeutung. Sie wurden immer in zentralen Siedlungsbereichen und an wichtigen Verbindungswegen errichtet. Somit darf als gesichert gelten, dass es auf dem heutigen Stadtgebiet von Lemgo mehrere kleine ländliche Siedlungen gab. Ihr christliches Zentrum war St. Johann. Die Anlage des Kirch- und Friedhofsplatzes durch Karl den Großen war damit auch Ausgangspunkt für die weitere Entwicklung bis hin zur Stadtanlage von Lemgo. Neben der guten verkehrsgeographischen Lage wird gerade die örtliche Bedeutung des Kirchplatzes von St. Johann den Edelherr Bernhard II. zu Lippe veranlasst haben, hier um 1190 Lemgo als eine der ersten Städte in seinem Herrschaftsgebiet zu gründen.